Der tägliche Wahnsinn: Was uns stresst und welcher erste Schritt uns helfen kann

Der tägliche Wahnsinn: Was uns stresst und welcher erste Schritt uns helfen kann

von Lea 27. Februar 2019

Du bist den ganzen Tag in Hektik, ein Termin jagt den nächsten und das Abendessen muss auch noch vorbereitet werden – du willst dich schließlich gesund ernähren. Zwischendrin ständig der unvermeidliche Blick auf dein Smartphone: Eine Whatsapp ploppt rein, neue Facebook-Benachrichtigungen leuchten auf und du siehst im E-Mail-Eingang eine Mail vom Chef. Manchmal ertappst du dich dabei, dass du auf dein Telefon starrst und dich nicht mehr erinnern kannst, was du eigentlich machen wolltest.

Kennst du diese Situationen?

Dann ist dieser Artikel der richtige für dich! Starten wir langsam:

Wodurch wird Stress ausgelöst?

Gleich vorab: Stressauslöser werden auch “Stressoren” genannt. Schau mal, welche beiden Varianten es gibt:

  • Es gibt die inneren Stressoren: Hier entsteht Stress auf einer körperlichen Ebene z.B. durch Erschöpfung, falsche Ernährung und (versteckte) Entzündungen. Auf der emotionalen Ebene sind Angst, innere Antreiber oder eine negative Bewertung der eigenen Situation mögliche Belastungen, die uns stressen.
  • und die äußeren Stressoren: All das, was uns umgibt, kann uns auch stressen – dazu gehören körperliche Anstrengungen oder Überbelastungen, schlechte Luft und dauerhafter Lärm. Sorgen um die Gesundheit, Stress mit der Familie oder Termindruck sind äußere emotionale Stressauslöser. Klar: Es kommt ganz stark darauf an, wie wir mit der jeweiligen Situation umgehen. Also: Was sind unsere Motive, Einstellungen und Bewertungen? Das sind die persönlichen Stressverstärker oder -dämpfer.

Sind wir dauerhaft inneren und äußeren Stressoren ausgesetzt, die wir dazu auch noch negativ bewerten – dann springt unser Stressmotor an! Leider ist das für unseren Organismus kein Zuckerschlecken. Läuft der Motor zu lange auf Hochtouren, streikt er irgendwann! 

Okay – aber das ist ja alles irgendwie abstrakt, oder? Bei dir sieht das ganz anders aus! Wirklich?

Typische Stressauslöser, die uns im Alltag begegnen

  • Ständig buhlt etwas um unsere Aufmerksamkeit: Angefangen mit dem Smartphone, das uns schon gleich am Morgen als Wecker in den Tag begleitet, über Benachrichtigungen auf dem PC bis zu dauernd klingelnden Telefonen im Großraumbüro. Die Anzahl an wahrgenommenen visuellen und auditiven Reizen (Sehen und Hören) nimmt kontinuierlich zu. Wusstest du, dass uns über die Sinneskanäle pro Sekunde durchschnittlich ca. 12 Millionen Bit an Eindrücken erreichen? Zugegeben, das klingt ziemlich technisch, aber verglichen mit den 20-60 Bit pro Sekunde, die wir verarbeiten, wenn wir lesen, ist das richtig, richtig viel – hier haben wir die physikalischen Stressoren.
  • Eine unverschiebbare Deadline, ein dringender Liefertermin, der Chef, der uns im Nacken sitzt. Wir spüren förmlich, wie wir unter Zeitdruck geraten. Dazu kommen weitere Termine: die Kinder zum Schwimmen bringen, am Abend beim Chor pünktlich eintrudeln, den Schornsteinfeger seine Arbeit machen lassen – diese Stressoren werden auch Leistungsstressoren genannt.
  • Ständig haben wir das Gefühl, manche sogar Angst, was zu verpassen: deswegen checken wir das Smartphone, lesen unsere E-Mails und scannen die Nachrichten. Dafür gibt es sogar einen Begriff: “FOMO” – Fear of missing out. 1)https://www.researchgate.net/publication/323833120_Fear_of_missing_out_prevalence_dynamics_and_consequences_of_experiencing_FOMO
  • Hinzu kommt der Multitaskingmodus – für viele ein täglicher Zustand. Mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, immer in der Hoffnung, schneller voran zu kommen. Die Wahrheit sieht leider anders aus: Unser Gehirn ist nicht dazu gemacht, sich mehreren Dingen gleichzeitig zu widmen. Wenn wir multitasken, springt unser Hirn heftig zwischen den bearbeiteten Dingen hin und her. Ergebnis: Das Stresslevel steigt, die Produktivität sinkt bis zu 40%. 2)https://hbr.org/2010/05/how-and-why-to-stop-multitaski
  • Hinzu kommen fiese soziale Stressoren wie Konkurrenz, Neid und zwischenmenschliche Konflikte. Der üble Streit mit den Nachbarn, die gärende Auseinandersetzung mit dem Chef und der Dauerclinch mit dem pubertierenden Teenager.

Wie reagieren wir auf Stress?

  • Wenn die Aufgaben zu viel werden, der Arbeitsumfang steigt und wir nicht mehr wissen, wo uns buchstäblich der Kopf steht, reagieren wir meist mit einem wirren Arbeitsverhalten: Wir machen mehrere Dinge gleichzeitig, stürzen uns in beschäftigtes Tun. Meist jedoch, ohne vorher einmal kurz durchzuatmen, sich einen Überblick zu verschaffen, Prioritäten zu sammeln und die nächsten Schritte zu planen.
  • Untersuchungen zeigen auch, dass wir uns unter Stress irrational hastig und ungeduldig verhalten: Wir lassen die wichtigen Pausen ausfallen, essen (wenn überhaupt) am Arbeitsplatz, nehmen uns keine Zeit für einen kurzen Spaziergang an der frischen Luft und den Termin im Fitness-Studio ignorieren wir.
  • Diesen interessanten Effekt kennst du vielleicht auch schon von dir: Viele von uns lesen nicht mehr den ganzen Artikel, sondern sie “scrollen” nur noch drüber. Ein Effekt, den man dem Leseverhalten in den sozialen Medien zuschreibt: Alles muss kurz, schnell und leicht verdaulich sein. Ein Swipe – und es ist weg!
  • Wenn wir unter Stress sind neigen wir zu mehr Konflikten im Umgang mit anderen Menschen: Wir werden aggressiv, wenn die Kollegin so lange braucht, bis sie ihr Anliegen geschildert hat. Wir reagieren gereizt auf kurzfristige Terminanfragen. Wir “fahren aus der Haut” und erkennen uns dabei selbst nicht wieder3)Kaluza, Gert: Stressbewältigung, Berlin, Springer Verlag GmbH Deutschland, 2018.

Nach einem solchen Tag sitzen wir manchmal abends auf der Couch, schütteln den Kopf und fragen uns: “Was war denn eigentlich heute los mit mir?” Aber im tiefsten Inneren ist uns klar: Den Motor zu lange auf Hochtouren laufen zu lassen – das kann nicht gut sein.

Wie die digitale Welt uns noch mehr stresst

Unser Leben und Arbeiten hat sich stark verändert. Im Job kennen wir Begriffe wie Globalisierung, Gewinnoptimierung und Umstrukturierung. Wir arbeiten selbstbestimmter, mit mehr Eigenverantwortung und auch mit dem Gefühl, stärker kämpfen zu müssen, bis zur Angst um den Job. Es ist heute völlig normal, ein Firmenhandy zu haben. So sind wir auch in der Freizeit in der Lage, unsere Firmenmails zu checken (Wie war das nochmal mit FOMO?), auf alle relevanten Daten zuzugreifen und dem Chef auch am Wochenende Rede und Antwort zu stehen.

In der Literatur werden die daraus resultierenden Stressoren so beschrieben: “… sie werden von den Beschäftigten als Behinderung der Zielerreichung oder des effektiven Arbeitens wahrgenommen. Dazu gehören zum Beispiel schwerfällige Informationsflüsse (“Intransparenz”), Arbeitsunterbrechungen, Zeitdruck, ein hohes Ausmaß an bürokratischer Kontrolle, sowie unklare oder schwer zu vereinbarende Ziele”. 4)Do the effects of job stressor on health persist over time? A longitudinal study with obervational stressor measueres. Journal of Occupational Health Psychology 10, 18-30

Damit aber nicht genug: Auch in unserer Freizeit haben wir mit den “daily hassles” zu kämpfen. Was sind solche “lang andauernden oder immer wiederkehrenden Belastungen”?

  • Definitiv die Überflutung mit Informationen und das Bedürfnis überall erreichbar zu sein. Bereitgestellt durch neue Kommunikationsmedien und unsere technische Gefolgschaft wie Smartphone, Tablet, Alexa und Co. die uns ständig anpingen, helfen wollen oder leise vor sich hinvibrieren.
  • Ein Wust an Daten, den wir irgendwie verwalten wollen. Die Fotos vom Urlaub, die wichtige Präsentation für den Pitch und die E-Mail mit den Terminvorschlägen für den Kurztripp nach Mallorca, die auch noch beantwortet werden muss.
  • Mehrere E-Mail Konten, unstrukturierte Ordner auf dem Rechner und zu viele Geräte, auf denen die Information versteckt sein könnte. Manchmal suchen, bearbeiten und verschieben wir stundenlang Daten um uns danach zu fragen, was wir “eigentlich” machen wollten!
  • Eigentlich “schöne” Aufgaben in der Familie, Beruf, Haushalt und Freizeit können auch in eine Überlastung ausarten, wenn die Grenzen verschwimmen und parallel zu viele Alltags- und Berufsanforderungen erfüllt werden (müssen).
  • Du kennst es wahrscheinlich selbst: Weitere daily hassles ergeben sich aus dem, nicht immer simplen, täglichen Miteinander, selbstgebauten Gedankenspiralen, wenn mal etwas nicht gut gelaufen ist, oder wenn wir Angst vor Eventualitäten haben, wie z. B. bei einer Prüfung schlecht abzuschneiden. 5)Kaluza, Gert: Stressbewältigung, Berlin, Springer Verlag GmbH Deutschland, 2018

Was können wir dagegen tun?

Tja – das ist schon ein ganzer Brocken an Herausforderungen, den wir jeden Tag stemmen müssen, oder nicht? Es gibt auch nicht die “einfache Pille” als ultimativen Problemlöser und Anti-Stressor. Aber der erste Schritt ist getan, wenn wir uns bewusst machen, dass in Beruf und Alltag unzählige Stressoren auf uns regnen. Unsere Aufgabe ist, den Regenschirm aufzuspannen und manche der oben genannten Stressoren einfach von uns abzuhalten.

Also: womit könnten wir anfangen? Wie wäre es damit:

Organisiere dich neu – und hab mehr Zeit für die schönen Dinge

Organisation ist wie ein großer, breiter Regenschirm, der besonders trocken hält. Klar ist: Mangelnde Organisation stellt uns vor Herausforderungen, wir sind nicht mehr Herr über unsere Zeit, wenn wir z.B. nur noch auf der Suche nach Dingen sind, unsere Termine nicht im Griff haben oder uns einfach total in unserer Tagesplanung verschätzt haben. Zu viel Organisation ist aber auch nicht gut. “Über-Organisation” kann uns mächtig viel Zeit kosten.

organisation

Ein erster Schritt könnte sein, sich mit dem Zeitfresser und täglichem Stressor Nummer eins zu beschäftigen: Organisiere die Flut an digitalen Daten neu! Lass dich nicht von Smartphone, E-Mail und Tablet terrorisieren und schalte diese Stressoren auf Sparflamme.

Wir starten im März dazu einen Fokusmonat, in dem wir uns 31 Tage lang mit dem Thema “Digitaler Frühjahrsputz” beschäftigen: Datendruck raus, Entspannung rein.

Fazit:

Unser täglicher Wahnsinn ist gespickt mit Stressauslösern: Da gibt es einen Wust an digitalen Daten und unsere neue mobile Gefolgschaft (Smartphone, Tablet und Co). Heute wollen Arbeit und Freizeit miteinander in Einklang gebracht werden und vermischen sich mehr denn je.

Wir selbst haben es in der Hand, ob wir uns davon stressen lassen, oder nicht. Je nach Tagesform gelingt uns das mal besser, mal weniger gut. Werden wir diesen Wust abschaffen können? Nein! Vielleicht wollen wir das ja auch gar nicht.

Aber wir müssen uns die Frage stellen, wie wir damit leben wollen; wie wir uns organisieren wollen. Wir sollten identifizieren was unsere größten Stressoren sind. Um dann zu entscheiden, wie wir mit diesen Stressoren umgehen im Sinne von “love it, change it or leave it.” Wir werden das Thema “Bestandsaufnahme” und “Organisation” in diesem Monat weiter vertiefen. Also bleib dran. Ein erster, sehr konkreter Schritt für dich könnte der Fokusmonat “Digitaler Frühjahrsputz” sein. Probier es aus!

Quellen   [ + ]

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